Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen e.V. – Einrichtung und Entwicklung

von Prof. Dr. Friedrich Specht, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender des Vereins Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen e.V.


Ursprung und Zielsetzungen
Gründung des Vereins Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen
Heimneubau auf dem Mahneberg
Entwicklung zu dezentralisierter Vielfalt
Weitere Beteiligung an der regionalen Jugendhilfe
Bildung und Unterricht im Heim
Entwicklung des Trägervereins


Ursprung und Zielsetzungen
1956 hat das Ehepaar Käthe Dühsler (Psychagogin) und Ernst Dühsler (Kunsterzieher) in einem Flügel des Schlosses Rittmarshausen als privater Träger das Psychagogische Kinderheim Dühsler eröffnet. Es sollten dort 20 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die wegen neurotisch entstandener Störungen – so der Text der ersten Informationsschrift – „einer psychagogischen tiefenpsychologisch fundierten Betreuung, pädagogischer Führung und individueller Pflege bedürfen“. Vorausgesetzt wurde die Überweisung durch einen Arzt, einen Psychotherapeuten, ein Jugendamt oder eine Erziehungsberatungsstelle. Käte Dühsler hat das Ziel gehabt, Kinder und Jugendliche und zugleich auch deren Familien in die Lage zu versetzen, nach dem Heinaufenthalt ohne die vorherigen Belastungen und Störungen miteinander zu leben. Die Verbindung tiefenpsychologisch fundierter Therapieansätze mit sozialpädagogischer Gestaltung des Lebensalltages machen seitdem eine kennzeichnende Besonderheit der Einrichtung aus.

Gründung des Vereins Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen
Es stellte sich allerdings schon bald heraus, dass die Einnahmen – bei einem Tagessatz von Anfangs 10.- DM – nicht ausreichten, um die vielfältigen Ausgaben für Instandsetzung, Verbesserung der Ausstattung und die steigenden Verbrauchskosten ohne öffentliche Zuschüsse zu decken. 1958 gründeten deswegen A. Oberdiek, H. Wiesenfeld, Dr. F. Specht, H. Kulle, Prof. Dr. W. Gerson, Dr. R. Adam und Elli Achelis einen Verein zur Förderung des Psychagogischen Kinderheims Schloss Rittmarshausen. Noch im gleichen Jahr wurde er in einen Verein Psychagogisches Kinderheim Schloss Rittmarshausen e.V. mit dem Zweck der Trägerschaft ab 01.01.1959 umgewandelt. Der Verein wurde korporativ Mitglied des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Ernst Dühsler wurde als Geschäftsführer des Vereins und als Heimleiter (bis 1973) angestellt, Käte Dühsler als Psychagogin. Die Übernahme der Trägerschaft durch einen gemeinnützigen Verein ermöglichte es, öffentliche Zuschüsse für Betrieb und Instandsetzung zu erhalten und Wege für die Finanzierung eines Heimneubaus zu finden.


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Heimneubau auf dem Mahneberg
Die Unterbringung im Schloss Rittmarshausen entsprach schon bald nicht mehr der Vielfalt und Intensität der therapeutischen und pädagogischen Arbeit. Bereits 1962 hat das zuständige Gesundheitsamt die Räume in Schloss Rittmarshausen in baulicher und sanitärer Hinsicht beanstandet. Der dann nach längeren Planungen und Finanzierungsverhandlungen in Rittmarshausen auf dem Mahneberg errichtete Neubau konnte 1970 mit 35 Plätzen in Betrieb genommen werden.

Entwicklung zu dezentralisierter Vielfalt
1970 lag noch die Vorstellung einer zentral orientierten und versorgten Einrichtung zugrunde. Der Name Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen – wie es nun nach dem Verlassen des Schlosses hieß – brachte weiterhin die Besonderheit der Verbindung von therapeutischen und sozialpädagogischen Hilfen zum Ausdruck. Bis heute sind psychotherapeutische Wohngruppen für Kinder und Jugendliche die Bewohner des Heimneubaus auf dem Mahneberg geblieben.
Von dort aus entwickelte sich die Einrichtung indessen auf eine verzweigte und schließlich planmäßig dezentralisierte Weise an derzeit sieben Standorten weiter. Der erste Schritt, die Eröffnung einer heilpädagogischen Tagessgruppe in Bischhausen (1975) zeigte bereits die Richtung an: Entwicklungshilfen für Kinder, bei denen die Voraussetzungen für ein tiefenpsychologisch fundiertes Therapievorgehen nicht gegeben sind und zum anderen Erweiterung des Rahmens über einen vollstationären Aufenthalt hinaus. Es hatte sich zudem erwiesen, dass auch das Ziel Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht bei allen aufgenommenen jungen Menschen zu erreichen war und deswegen auch andere Wege gefunden werden mussten. Der differenzierteren Wahrnehmung des Bedarfs nicht nur an stationären, sondern ebenso an teilstationären, betreuenden und ambulant nachsorgenden Einrichtungen kam eine entsprechende Differenzierung der mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990 vorgesehenen Leistungen entgegen.

Den deutlich gewordenen Erfordernissen entsprechend entstanden in gemeinschaftlicher Planung 1977 in Bischhausen ein Heilpädagogisches Heim und im Lauf der folgenden Jahre Familien-Außenwohngruppen in Reckershausen (1979 und 1990), Beienrode (1997) und Bischhagen/Thüringen (2002) sowie eine Jugendlichen-Außenwohngruppe in Etzenborn (1992). In Weißenborn konnte 1998 eine Heilpädagogische Wochengruppe eröffnet werden. 1998 entstand in Rittmarshausen eine psychotherapeutische und 2000 in Göttingen-Weende eine weitere heilpädagogische Tagessgruppe. An Hilfen für junge Volljährige wurden 8 Plätze für betreutes Wohnen in Göttingen-Geismar (1997) sowie Möglichkeiten zur ambulanten Einzelbetreuung eingerichtet.
Der Umfang und die flexible Vielfalt der so entstandenen Einrichtungen und Hilfen gab Grund dafür der Bezeichnung Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen e.V. 2002 den Zusatz Jugendhilfe in Rittmarshausen/Gleichen anzufügen.


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Weitere Beteiligung an der regionalen Jugendhilfe
2005 ist es dann zu einem weiteren großen Schritt in dieser Entwicklung gekommen: Der Trägerverein hat das bisherige Städtische Kinderheim Göttingen übernommen und wird es als Jugendhilfezentrum Göttingen Hagenberg weiterführen. Seitdem lautet der Namenszusatz Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen e.V. Jugendhilfe in Gleichen und Göttingen.
Über die Aufgaben des Kinderheims hinaus ergeben sich dort Möglichkeiten für die Einrichtung einer weiteren Schultagesgruppe, Wohntraining, soziale Gruppenarbeit oder ein weiteres Werkstattprojekt.

Bildung und Unterricht im Heim
Schulunterricht für die in der Einrichtungen des Vereins aufgenommenen Kinder wurde zunächst durch eine Sonderklasse der Gartetalschule im Heim gewährleistet. Bei der Mehrzahl der Kinder machten beeinträchtigte Lernentwicklung und gestörtes Arbeitsverhalten besondere Lernangebote und besondere Unterrichtsformen notwendig, sodass weitere Sonderklassen eingerichtet wurden. Dies führte schließlich 1980 zur Organisationsform einer vom Heim getragenen staatlich anerkannten Sonderschule für Entwicklungshilfe, der Schule an den Gleichen für 56-60 Kinder. Mittlerweile hat die Schule, die sich inzwischen Förderschule mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung nennt, 78 Schulplätze mit 2 Sonderformen, einer Schultagesgruppe in Göttingen und einem Werkstattprojekt in Etzenborn.


Entwicklung des Trägervereins
Der Trägerverein Psychagogisches Kinderheim Rittmarshausen e.V. hat 1996 unter dem Vereinsvorsitz von Prof. Dr. Klaus Mollenhauer (1980 – 1997) mit einer Satzungsänderung die Verteilung und Aufgaben von Verantwortung neu geordnet. Alle Vollmachten nach § 26 BGB wurden auf einen Vorstand übertragen, dessen Vorsitzender für die Gesamtleitung aller Einrichtungen und die Geschäftsführung des Vereins verantwortlich ist. Dieser Vorstand wird von der Mitgliederversammlung des Vereins bestellt. Der Mitgliederversammlung bleiben außerdem bestimmte Beschlüsse (Entscheidungen bzw. Genehmigungen) vorbehalten, mit denen die Rahmenbedingungen für die Aufgaben des Vereins und die Einhaltung seiner Zielsetzungen gewährleistet werden sollen.

Zuletzt aktualisiert am 02 August 2010 13:49 Uhr